ASC

ASC-Tagung 2011


Gemeinsame internationale Konferenz des Arbeitskreises Sozialwissenschaftliche Chinaforschung (ASC) in der DGA und des Kompetenznetzes „Regieren in China“

Hamburg, 09.-11. Dezember 2011

Konferenzbericht von Johannes Lejeune, ASIEN 123 (S. 126–129)

Die zweite gemeinsame Konferenz des Arbeitskreises Sozialwissenschaftliche Chinaforschung (ASC) und des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Kompetenznetzes „Regieren in China“, die in diesem Jahr vom GIGA German Institute of Global and Area Studies in Hamburg ausgetragen wurde, ließ erneut die Bandbreite, Internationalität und Qualität sozialwissenschaftlicher Chinaforschung in Deutschland sichtbar werden. Durch das Panel-Format und die hiermit verbundenen vier thematischen Schwerpunkten konnte dieser Bandbreite Rechnung getragen werden; die Internationalität der Forschung spiegelte sich in der Vielzahl renommierter Konferenzteilnehmer aus dem Ausland wieder, die dank großzügiger finanzieller Unterstützung seitens des BMBF nach Hamburg eingeladen werden konnten; und die Qualität kam in den Vorträgen und Diskussionen auf hohem akademischen Niveau klar zum Vorschein. Das gewählte Tagungsformat von Kurzpräsentationen zuvor eingereichter und an alle Konferenzteilnehmer verschickter Beiträge mit anschließender Kommentierung durch Korreferenten hat sich dabei bewährt und förderte anregende Debatten.

Das erste Panel „Official Discourse and Social Governance“ begann mit einem Vortrag von Anne-Mary Brady von der University of Canterbury, in dem sie der Frage nachging, wie es der KPCh trotz der weltweiten Dominanz demokratischer Vorstellungen gelungen sei, die chinesische Bevölkerung durch verschiedene Persuasionsmaßnahmen für die fortwährende Akzeptanz des autoritären Einparteienstaates zu gewinnen. Dabei betonte sie zwar, dass sich die Art und Weise dieser Persuasion in den letzten beiden Jahrzehnten deutlich gewandelt habe, es sich aber nichtsdestotrotz noch immer um effektive politische Kontrolle handele – in Anlehnung an Harold Lasswell sprach Brady von Ketten aus Eisen, die durch Ketten aus Silber ersetzt worden seien (Discussant: Daniela Stockmann, Leiden University).

Yang Hongshan von der Renmin Universität in Beijing widmete sich in seinem Vortrag dem zunehmenden Interesse chinesischer Intellektueller und Politiker am Konzept der deliberativen Demokratie. Gründe für den Erfolg des Konzepts sah er neben der begrifflichen Nähe zu den konsultativen Institutionen des politischen Systems Chinas vor allem darin, dass die deliberative Demokratie als Ersatz für eine elektorale Demokratie präsentiert und somit zur legitimatorischen Unterstützung des bestehenden politischen Systems herangezogen würde. Dabei weiche das Verständnis der Partei aber deutlich von westlichen Konzeptionen ab, denn statt eine breite Beteiligung der Bevölkerung zu fördern, würde es eher als Mittel der Inklusion von Experten in den politischen Prozess betrachtet (Discussant: Nele Noesselt, GIGA Hamburg).

Ähnlich wie Anne-Mary Brady beschäftigten sich auch Sandra Heep und Maria Bondes vom GIGA Hamburg mit den Bemühungen der KPCh, ihre Herrschaft zu legitimieren. Unter Rückgriff auf die „Framing“-Theorie von Snow und Benford argumentierten sie, dass die Partei zu diesem Zweck darum bemüht sei, ihre Herrschaftsausübung so darzustellen, dass sie mit den Überzeugungen der Bevölkerung übereinstimme. Dabei komme auch der von westlichen Wissenschaftlern oft als irrelevant betrachteten Ideologie eine wichtige Funktion zu, da offizielle „frames“ und offizielle Ideologie in China in einem engen Verhältnis zueinander stünden (Discussant: Josef Gregory Mahoney, Shanghai Jiaotong-University).

Das Panel „Twittering Security and Values“ war der Analyse von Microblogs als Mittel der sozialwissenschaftlichen Chinaforschung gewidmet. Dominique Schirmer von der Universität Freiburg stellte methodologische Probleme – wie etwa das Problem der Repräsentativität oder die Unterschiede zu normalen Sprechsituationen – im Umgang mit Microblogs ins Zentrum ihres Vortrages, die sich keineswegs auf die Chinaforschung reduzieren ließen. Allerdings mache die im internationalen Vergleich immense Bedeutung von Microblogs China zu einem besonders lohnenswerten Studienobjekt (Discussant: Cora Jungbluth, Universität Freiburg).

Kristin Kupfer, die ebenfalls von der Universität Freiburg angereist war, legte ihren Schwerpunkt stärker auf die Empirie und untersuchte, inwiefern Microblogs als Träger von Werten und sozialem Wandel in China betrachtet werden können. Anhand von drei Fallstudien zeichnete sie nach, welche Rückschlüsse aus Microblog-Diskussionen auf Einstellungen und Werte der Teilnehmer gezogen werden können. So war beispielsweise die Diskussion um den Fall eines überfahrenen und anschließend von den Passanten ignorierten Mädchens von einer Sichtweise dominiert, die der fehlenden Rechtsstaatlichkeit bzw. dem System als Ganzem die Schuld am vermeintlich individuellen Versagen der Passanten gab (Discussant: Nora Sausmikat, Asienhaus Essen).

Das dritte Panel „The Mao Era and its Legacy“ begann mit einem Vortrag Felix Wemheuers von der Universität Wien über die Ursachen der Hungersnot in China zur Zeit des Großen Sprungs. Insbesondere betonte er dabei das in diesem Kontext bislang vernachlässigte Verhältnis zwischen Stadt und Land: Da die Parteiführung der sozialen Stabilität in den Städten oberste Priorität eingeräumt habe, habe der Transfer von Nahrung vom Land in die Städte die Hungersnot unter der ländlichen Bevölkerung auf kritische Weise verschärft. Dementsprechend habe neben Nahrungsimporten auch die von der Führung beschlossene deutliche Verkleinerung der städtischen Bevölkerung schließlich zum Ende der Hungersnot beigetragen (Discussant: Patricia Thornton, University of Oxford).

Sascha Klotzbücher, zurzeit Gastwissenschaftler an der Standford University, betonte die Bedeutung von Emotionen für die Analyse von sozialem und politischem Verhalten, und verdeutlichte dies anhand der in Tagebüchern und Interviews ausgedrückten Gefühle von Jugendlichen während und mit Bezug zur Kulturrevolution. Dabei stellte er einen Zusammenhang zwischen den Exzessen dieser Zeit und den unter den Jugendlichen verbreiteten negativen Gefühlen der eigenen Unzulänglichkeit und Machtlosigkeit her (Discussant: Patricia Thornton, University of Oxford).

Das abschließende Panel über „China’s Low Carbon Technology Ambitions“ begann mit einem Vortrag von Doris Fischer vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik in Bonn über Chinas Politik zur Förderung von Technologien mit geringem CO2 -Ausstoß im Allgemeinen, und von Elektroautos im Speziellen. Dabei bewertete sie die Annahme, dass eine zentral gesteuerte Industriepolitik dem Land im internationalen Wettrennen um umweltfreundliche Technologien Vorteile verschaffe, eher negativ: Wie bereits früher in anderen Industriezweigen sei auch die Politik in Bezug auf Elektroautos vor allem dazu geeignet, zu technologischen Vorreitern aufzuschließen, aber nicht, selbst eine Spitzenposition einzunehmen (Discussant: Margot Schüller, GIGA Hamburg).

Auch Jim Watson von der Sussex Energy Group sprach über die chinesischen Bemühungen, CO2 -arme Technologien zu entwickeln, und legte seinen Fokus dabei insbesondere auf Fragen des Technologietransfers und eigenständiger chinesischer Innovationsleistungen. Neben Elektroautos umfassten seine Fallstudien auch die Zementindustrie sowie die Energiegewinnung aus Offshore-Windparks und fortschrittlichen Kohlekraftwerken. Dabei zeigten sich einerseits Unterschiede zwischen den verschiedenen Bereichen, andererseits aber auch Gemeinsamkeiten – so seien beispielsweise die technologischen Kapazitäten in etablierten, marktnahen Bereichen wesentlich größer, aber in allen vier Fallstudien spiele der Staat bei der Förderung technologischer Kapazitäten eine relativ wichtige Rolle (Discussant: Maximilian Mayer, Universität Bochum).

Im letzten Vortrag widmeten sich Genia Kostka von der Frankfurt School of Finance and Management und Sarah Eaton von der University of Oxford dem System der Kaderrotation und untersuchten anhand von Feldforschung in zwei Städten in Shanxi, inwiefern dieses sich auf die Realisierung der chinesischen Pläne für eine nachhaltige Entwicklung auswirkt. Dabei kamen sie zu dem Schluss, dass die normalerweise recht kurze Verweildauer führender Kader auf einem Posten die Erreichung langfristiger Ziele, die mit hohen temporären Kosten und zahlreichen Widerständen von Seiten lokaler Akteure verbunden sind, eher erschwert – selbst wenn die Kader sich trotzdem eine langfristige Perspektive zu eigen machten (Discussant: Christian Göbel, Lund University).

Insgesamt zeigten sich die Teilnehmer sehr zufrieden mit der Konferenz. So wurde denn auch beschlossen, das Format einer gemeinsamen Veranstaltung des ASC und des Kompetenznetzes „Regieren in China“ unter internationaler Beteiligung beizubehalten. Die nächste Konferenz wird am 23. und 24. November 2012 an der Universität Tübingen stattfinden.

Johannes Lejeune

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