ASC

ASC-Tagung 2005


Wissenschaftliche Jahrestagung des Arbeitskreises Sozialwissenschaftliche Chinaforschung (ASC) in der DGA

Brühl, 14.-15. Januar 2005

Konferenzbericht von Doris Fischer und Anja Senz, ASIEN 95 (S. 109–111)

Im Januar 2005 fand die fünfte wissenschaftliche Tagung des ASC in Brühl statt. Sowohl die Zahl der Teilnehmer als auch die Atmosphäre der Tagung zeigten, dass der ASC sich inzwischen als Institution gefestigt hat und eine geeignete Plattform für die akademische Diskussion der modernen sozialwissenschaftlichen Chinaforschung auf hohem fachlichen Niveau geworden ist. Auch das vom ASC gewählte Tagungsformat – Kurzpräsentation zuvor eingereichter schriftlicher Beiträge und ausführliche Kommentierung durch zwei (manchmal auch nur einen) Korreferenten – hat sich erneut bewährt.

Thematisch lag der Fokus der diesjährigen Tagung auf politologisch-soziologischen Fragestellungen, wobei sich trotz der thematischen Verschiedenheit der Beiträge im Einzelnen erneut die Ähnlichkeit der grundsätzlichen Probleme erkennen ließ, mit der empirische Untersuchungen erneut die Ähnlichkeit der grundsätzlichen Probleme erkennen ließ, mit der empirische Untersuchungen zu China konfrontiert sind.

Den ersten Beitrag der Tagung bildete ein Paper von Björn Alpermann zur politischen Integration von Privatunternehmen am Beispiel der Baumwollindustrie. Das Paper basiert auf einer empirischen Erhebung der politischen Partizipation/Kooptation und politischer Einstellungen von Privatunternehmern im Baumwollsektor in je einem Kreis in Shandong und Hubei und beleuchtet in diesem Zusammenhang nicht nur die Frage der Parteimitgliedschaft von Privatunternehmern, sondern auch die Funktion der Branchen- bzw. Unternehmensverbände. Ein Ergebnis der Untersuchung besteht darin, dass die Staatskapazität auf lokaler Ebene im Zuge der Transformation und des Aufstiegs von Privatunternehmern nicht notwendig leiden muss. Das anschließende Korreferat von Herrn Zhang Junhua warf Fragen zu der Konzeption von Staatskapazität auf und verwies auf die Schwierigkeiten, mit den lokalen Beispielen auf die Staatskapazität der Zentralregierung zu schließen. Eine weitere Anregung bestand darin, auch die wirtschaftspolitischen Motive der Partei hinsichtlich der Integration von Privatunternehmern zu berücksichtigen. Die Diskussion der Teilnehmer ging insbesondere auf die Definition bzw. Abgrenzung des Konzeptes der Staatskapazität von Staatsautonomie und civil society ein und brachte Anregungen zur Erfassung der Rolle von Wirtschaftsverbänden.

Mit einer anderen Sphäre möglicher politischer Emanzipation, dem Internet, befasste sich der Beitrag von Karsten Giese. Der Fokus der vorgestellten empirischen Untersuchung liegt auf der Frage, inwieweit in den Kommunikationsforen der Bulletin Board Systems (BBS) neue Konstruktionen individueller und kollektiver (ethnischer sowie nationaler) Identitäten der jungen städtischen Bevölkerung erkennbar sind. Die Inhaltsanalyse ausgewählter BBS wurde ergänzt durch Interviews und beteiligte Beobachtung an verschiedenen urbanen Plätzen. Dabei versteht Giese die BBS als virtuelle “Dritte Plätze”, also als neutralen Raum, in dem sich die Teilnehmer – in Abgrenzung zur Familie und zum Arbeitsplatz – sozial gleichberechtigt treffen und kommunizieren. Neben vielen anderen Aussagen zur nationalen und ethnischen Identität der beobachteten BBS-Teilnehmer postuliert der Autor ein geringes Interesse an kollektiver Handlung, um – zum Beispiel – diagnostizierten Schwächen der eigenen Nation entgegenzuwirken. Die Diskussion zu dem Beitrag wurde durch Korreferate von Jens Damm und Kristin Kupfer eingeleitet und kreiste zum einen um methodische Fragen und die Charakteristika der BBS, zum anderen um die Frage, ob die Kommunikation in den BBS tatsächlich dazu geeignet ist, die Befindlichkeit der anvisierten gesellschaftlichen Gruppe der jungen, besser situierten Städter abzubilden.

Martin Brendebach beschäftigte sich in seinem Bitrag, der die Ergebnisse seiner kürzlich abgeschlossenen Dissertation zusammenfasst, mit den Auswirkungen der Kommerzialisierung des chinesischen Zeitungswesens. Mit Hilfe einer quantitativen Inhaltsanalyse geht er darin der Frage nach, ob die Kommerzialisierung zu einer größeren inhaltlichen Vielfalt innerhalb der Presseerzeugnisse geführt hat. Dabei unterscheidet er so genannte kommerzielle von nicht-kommerziellen Zeitungen und vergleicht die Jahre 1992 und 2001. Aus seinen Untersuchungen zieht er den Schluss, dass die Kommerzialisierung im Bereich der Presse zu einer Pluralisierung der politischen Inhalte geführt hat. Es fänden sich dabei erste Ansätze zu einer Ausdifferenzierung der Presseerzeugnisse innerhalb eines Spektrums von konservativ bis liberal bzw. Boulevard- bis Qualitätszeitungen. Die durch ein Korreferat von Doris Fischer eingeleitete Diskussion kreiste zunächst um die Hinterfragung der von Martin Brendebach getroffenen Unterscheidung zwischen “kommerzialisierten Zeitungen” in Abgrenzung zu Parteizeitungen sowie der Kategorie “politisch” bzw. “kritisch”. Einige Teilnehmer wiesen in diesem Zusammenhang auf das Problem der nicht gegebenen redaktionellen Unabhängigkeit hin, die es teilweise schwer mache, Werbung von Meldungen zu unterscheiden. Diskutiert wurde auch, ob die scheinbar erkennbare größere Meinungsvielfalt nicht bloßes Produkt bzw. logische Konsequenz der inzwischen bei vielen Zeitungen etablierten Marktrecherchen und logische Konsequenz der inzwischen bei vielen Zeitungen etablierten Marktrecherchen und Zielgruppenorientierung sind und damit weniger als Ausdruck gestiegener politischer Freiräume gewertet werden kann. Auch eine Einschätzung dessen, was als politisch sensibel gilt, sei im Verlauf eines Jahres Schwankungen unterworfen gewesen und erschwere eine Einordnung.

Gunter Schubert stellte in seinem Beitrag erste Ergebnisse aus seinem Forschungsprojekt zum Thema Dorfwahlen und politisches Bewusstsein dar. Ziel seiner Arbeit soll sein, den Begriff des politischen Bewusstseins zu kontextualisieren und im Spannungsfeld zwischen “rational choice” und “moral economy”-Ansätzen einzuordnen. Erklärt werden soll, dass trotz institutioneller Innovation in Form von Dorfwahlen die existierende Machtverteilung in vielen Dörfern von der chinesischen Landbevölkerung nicht grundsätzlich in Frage gestellt wird, sondern die bestehenden Verhältnisse hierdurch vielmehr legitimiert werden. Gunter Schubert nutzt für seine Erklärung den relativ neu in das Forschungsfeld “ländliche Partizipation in China” eingeführten Begriffs des “Vertrauens”. In einem Teil der Dörfer hätte sich demnach eine Horizontalisierung der Macht ergeben, dergestalt dass die Kader einen Vertrauensvorschuss von Seiten der Dorfbewohner genießen, weil sich diese durch die Dorfwahlen “politisch aufgewertet” fühlten. Der Beitrag wurde von Christian Göbel und Sebastian Heilmann kommentiert. Die hierdurch eingeleitete Diskussion behandelte insbesondere die Frage der Messbarkeit sowie der Bezugspunkte der Kategorie “Vertrauen” und thematisierte, ab welchem Punkt Wahlen für die Dorfbewohner in der genannten Form sinnhaft werden. Zusätzlich wurde das Problem der nur bedingten Generalisierbarkeit ländlicher Mikrostudien thematisiert.

Der Beitrag (Inzwischen erschienen in Peripherie Nr. 96, 24. Jg. (Dez. 2004): 428-457.) von Bettina Gransow stellte eine explorative Vorstudie zum Thema NGOs, Armutsbekämpfung und Globalisierung vor. Er verortete chinesische und internationale NGOs im Kontext eines neben Staat und Markt neu entstehenden “dritten Sektors” in China und konzentrierte sich darauf, Armutsminderungskonzepte und die entsprechenden institutionellen Arrangements mit der Globalisierungsdebatte zu verknüpfen. Ein Schwerpunkt der Arrangements mit der Globalisierungsdebatte zu verknüpfen. Ein Schwerpunkt der Analyse bezieht sich auf den Paradigmenwechsel, der in den vergangenen Jahren im Bereich Armutsminderung in China zu beobachten war; hier haben sich laut Bettina Gransow die Vorstellungen z.B. von der Konzentration auf wirtschaftliche Entwicklung in Richtung auf eine stärkere Betonung von Nachhaltigkeit bewegt. Ferner wird nicht mehr allein auf Expertenwissen gesetzt, sondern auch lokales Wissen stärker berücksichtigt, und das Armutsverständnis selbst hat sich von dem einseitigen Konzept der “Einkommensarmut” hin zu einem mehrdimensionalen Verständnis von Armut verändert. Die Korreferate von Jutta Hebel und Gunter Schubert sowie das Plenum unterbreiteten verschiedene Vorschläge, in welche Richtung der Artikel thematisch weiterentwickelt werden könnte und schlugen begriffliche Präzisierungen und Abgrenzungen z.B. bei den Begriffen “NGO”, “Globalisierung” sowie “international” vs. “transnational” vor. Insbesondere die von Bettina Gransow entwickelten Szenarien für die Entwicklung der NGOs in China (neoliberal, staatsstärkend, wohlfahrtsorientiert) wurden in der Diskussion nicht als einander ausschließende Pfade gewertet, sondern als verschiedene Dimensionen desselben Themas.

Die Teilnehmer zeigten sich insgesamt sehr zufrieden mit dem Verlauf der Tagung und beschlossen, für das Jahr 2006 auf der Basis des bewährten methodischen Formates eine internationale Tagung zu organisieren.

Doris Fischer und Anja Senz

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