ASC

ASC-Tagung 2013


Gemeinsame Jahrestagung des Arbeitskreises Sozialwissenschaftliche Chinaforschung (ASC) der DGA und des BMBF-Kompetenznetzes „Regieren in China“

Universität Wien, 22.–23. November 2013

Konferenzbericht von Eva Wieland und Björn Alpermann, ASIEN 130 (S. 89–91)

Bereits zum vierten Mal richteten das vom Bundesforschungsministerium geförderte Kom­petenznetz „Regieren in China“ und der DGA-Arbeitskreis Sozialwissenschaftliche Chinafor­schung (ASC) gemeinsam eine internationale Tagung aus. Die Organisation lag bei Christian Göbel (Universität Wien), der die Tagung mit einführenden Worten eröffnete. Es folgte eine erste Vorstellungsrunde individueller Papiere, in der Sandra Heep und Mikko Huotari (beide Universität Freiburg) eine Studie zu Chinas Rolle in Fragen der internationalen Finanz-Governance vorstellten. Ihr Beitrag rückte die Bedeutung des heimischen Finanzsektors zum Verständnis des chinesischen Verhaltens in den Vordergrund. Der Kommentar von Jörn-Carsten Gottwald (Universität Bochum) leitete eine lebhafte Diskussion ein. Katja Levy (FU Berlin) beschäftigte sich in ihrem Papier mit der aktuellen chinesischen Fachdiskussion zur Abschaffung des Systems der „Umerziehung durch Arbeit“. Beispielhaft entwickelte sie hieran, wie unterschiedlich die Konzeptionen von „sozialer Stabilität“ in westlichen und chinesischen Diskursen sind. Als Kommentatorin wies Agnes Schick-Chen (Universität Wien) auf die zahlreichen internen Widersprüche chinesischer Rechtsdiskurse hin, die solche Studien aufzudecken vermögen.

Ein zweites Panel fokussierte thematisch auf die Frage der Widerstandsfähigkeit der kommu­nistischen Einparteienherrschaft. Als Kommentator fungierte Andrew Nathan (Columbia University), der den Begriff der „authoritarian resilience“ 2003 prägte und damit eine breite Diskussion in Politikwissenschaft und Chinaforschung anstieß. Dali Yang (University of Chicago) präsentierte eine quantitative Untersuchung, die Unterstützungsquoten für lokale Regierungen in China in Bezug zu ihrer Performanz setzt. Der Aufsatz zeigte, dass die per­sönliche Abhängigkeit der Befragten vom Parteistaat nur teilweise ihre Einschätzung der Regierungsarbeit beeinflusst. Gunter Schubert (Universität Tübingen) stellte eine gemeinsam mit Anna Ahlers (MERICS, Berlin) und Thomas Heberer (Universität Duisburg-Essen) ver­fasste Studie vor. Basierend auf langjährigen und umfangreichen Feldstudien im ländlichen China argumentierten diese Autoren, dass Politikprozesse im Lokalstaat, insbesondere „effektive Politikimplementierung“ auch gegenüber dem privatwirtschaftlichen Sektor, ein wichtiger Baustein zum Verständnis von Systemstabilität und Regimelegitimität in China darstellen.

Fragen der Regimestabilität bearbeitete auch das Panel am Folgetag, allerdings mit einem Fokus auf das Internet. Madeline Carr (Aberystwyth University) diskutierte die Konfrontation unterschiedlicher Paradigmen der Netzpolitik. Das von den USA propagierte „freie Internet“ interpretierte sie als „containment“-Strategie, welcher China bisher erfolgreich seine Konzep­tion der „Netzsouveränität“ entgegenstellt. Mit ähnlichen Fragen beschäftigte sich auch Maximilan Mayers Beitrag zu Chinas Techno-Politik, wobei er in seiner Präsentation des Papers verstärkt auf das Beispiel des chinesischen Internetunternehmens WeChat und dessen Bedeutung für die infrastrukturelle Stärke und digitale Souveränität Chinas abhob. Christian Göbel und seine Co-Autorin Chen Xuelian (China Center for Comparative Politics & Econo­mics) entwickelten eine Typologie des e-Governance. Als empirische Beispiele dafür dienten ihnen Experimente von Lokalregierungen, welche auf unterschiedlichen Wegen zur verbes­serten Kommunikation zwischen staatlichen Stellen und Bürgern beitragen sollen. Die Kom­mentare in diesem Panel übernahmen Karsten Giese (GIGA, Hamburg) und Johan Lagerkvist (Swedish Institute of International Affairs). Präsentationen und Diskussion des Panels zeigten, dass die übliche Schwerpunktsetzung auf Zensur den Themenkomplex China und Internet unzureichend ausleuchtet.

In einer weiteren individuellen Paper-Vorstellung widmete sich Elena Meyer-Clement (Universität Tübingen) den konzeptionellen Ansätzen chinesischer Urbanisierungsstrategien. Der Kommentar von René Trappel (Universität Duisburg-Essen) zu diesem Forschungsbe­richt leitete die anschließende Diskussion zu Definition und Bedeutung von Urbanisierung im chinesischen Kontext ein.

Das letzte Panel der Konferenz war als Diskussionsrunde angelegt, in der sechs Wissen­schaftlerInnen in kurzen Präsentationen über ihre gesammelten Erfahrungen zum Thema Feldforschung und Datenerhebung in China berichteten. Erste Diskussionsgrundlage bildete ein Beitrag von Lena Springer (Universität Wien/Westminster). Sie plädierte dafür, gesammelte Datensätze und Fotografien etc. anderen Wissenschaftlern zugänglich zu machen. Es folgte Felix Wemheuer (Universität Wien), der die Arbeit in chinesischen Archiven in den Mittelpunkt seiner Präsentation stellte, wobei er auf die Problematik der Zugänglichkeit zu den Archiven hinwies, sowie den Chancen als auch Risiken, die die zunehmende Digitalisie­rung von Archivdokumenten mit sich bringt. Anschließend präsentierte Sascha Klotzbücher (Universität Wien) exemplarisch einen Zusammenhang zwischen der sozialwissenschaftli­chen Chinaforschung in den letzten Jahrzehnten und den politisch erwünschten bzw. von der Kommunistischen Partei Chinas geförderten Diskursen als prominente Forschungsfelder. Einen weiteren wichtigen Aspekt brachte Doris Fischer (Universität Würzburg) in die Diskus­sion ein, indem sie darstellte, wie sich die Zusammenarbeit mit chinesischen Wissenschaftlern in internationalen Kooperationen in den letzten Jahren verändert hat. Christian Göbel disku­tierte in seinem Erfahrungsbericht die Auswirkungen von chinesischen Partnerinstitutionen auf die Auswahl von Untersuchungsfällen. Um unerwünschte Verzerrungen zu vermeiden, sprach er sich u.a. für umfassende Informationssammlung vorab aus. Mit ihrer detaillierten Analyse der Förderpolitik des „National Planning Office of Philosophy and Social Science“ anhand von Projektausschreibungen und Mittelbereitstellung nach Forschungsgebieten leitete der Vortrag von Heike Holbig (Universität Frankfurt) in die anschließende Diskussions- und Fragerunde über.

Mit abschließenden Worten des Veranstalters Christian Göbel endete die gemeinsame inter­nationale Jahrestagung des BMBF-Kompetenznetzes „Regieren in China“ und des ASC. Wie in den vergangenen Jahren bot diese Konferenz den Teilnehmern eine ausgezeichnete Platt­form für intensive Debatten, wissenschaftlichen Austausch mit nationalen und internationalen Kollegen und einen Überblick über aktuelle Themen der sozialwissenschaftlichen China­forschung. Da das Kompetenznetz einen erfolgreichen Verlängerungsantrag für weitere zwei Jahre gestellt hat, kann im kommenden Jahr die Kooperation mit dem ASC bei einer Tagung in Berlin fortgesetzt werden.

Eva Wieland und Björn Alpermann

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